Eva Castringius

Vergessene Katastrophen und Plätze neu zu beleben, darin besteht die Strategie der Malerin und Fotografin Eva Castringius. Seit Anfang der 90er Jahre in Berlin, zog die Münchnerin 2001 als Stipendiatin der Villa Aurora für vier Monate nach Los Angeles. Ein Aufenthalt, der ihre Sicht auf die Dinge in anderem Licht erscheinen lässt und endgültig vom kleinen ins große Format veränderte.
Hatte sie zuvor die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in einer Serie als Tischmodell gebaut und abfotografiert, so zielt sie noch im selben Jahr, 2001, mit ihrer Bildserie ’The Big Sky’ auf den Stadtraum zweier Metropolen: Los Angeles und Berlin. Bei Sonnenauf- und Sonnenuntergang hielt sie berühmte Schauplätze, etwa am Hafen von Long Beach oder am internationalen Kongress Zentrum, dem heutigen Haus der Kulturen der Welt in Berlin, fest. An der Westküste Amerikas schob sich jeweils ein zu einem 50er Jahre Diner umgebauter roter Volvo ins Foto. Er wurde von der lebensgroßen Plastikfigur eines Kellners begleitet, die die Rolle des Protagonisten übernahm. Die Geschichte dazu muss sich der Betrachter jeweils selbst erdichten. In Berlin übernahm ein weißer VW-Käfer die Hauptrolle und eine altmodische ’Café ’-Leuchtschrift machte auf den mobilen Ort der Kommunikation und Identifikation aufmerksam.

Artifizielle "Störfaktoren" wirken wie Signaturen oder ironische Kommentare in den Bildern von Eva Castringius. Sie setzt sie ebenfalls in den Serien ’The Great Thirst’ und ’Point Brake’ ein. Fasziniert und geschockt von einer bisher kaum wahrgenommenen Naturkatastrophe, die sich seit dem frühen 20. Jahrhundert etwa 240 Meilen nördlich von Los Angeles abspielt, entstanden beide Serien als politisches Statement, das die Künstlerin bis in die Gegenwart sowohl in der Malerei als auch in der Fotografie weiterverfolgt. 1907 wurde mit dem Bau des Los Angeles Aquäduktes begonnen. Er sollte das Wasser des Owens River in einer gigantischen Betonröhre in das wasserarme Los Angeles leiten. Tunnel wurden gebohrt, Eisenbahnstrecken, Straßen, Telefone und elektrische Leitungen verlegt. Ein erster Streckenabschnitt war 1913 vollendet. Er galt als Pioniertat des Ingenieurwesens. Aber niemand ahnte die schleichende Naturzerstörung, die der Bau ausgelöst hatte. Bis 1940 wurde eine weitere Strecke von 105 Meilen bis zum Mono Bassin überwunden. Es entstanden ein Wasserkraftwerk, ein Zementwerk und das größte Wasserreservoir von Los Angeles, der Lake Crowley. Doch die ökologischen Auswirkungen blieben nicht aus. Die Gegend verödete. Das einst fruchtbare Owens Valley verwandelte sich in ein karges Wüstengebiet.

In psychedelisch flimmernder Farbigkeit, greift Castringius das Thema in ihre Malerei auf und überhöht es zur glatten, fast abstrakten Landschaftsarchitektur. ’Drift’, langsam Abwandern, steht in großen Lettern zu lesen. In der Bildmitte verdunstet eine Pfütze verlaufener Farbe. Die Welt scheint verkehrt herum. Auf einer anderen Leinwand macht man das Wort ’Control’ aus. Noch deutlicher wird Natur, durch Naturbeherrschung ersetzt. Auf Exkursionen in das Sperrgebiet entlang des umstrittenen Aquäduktes im Owens Valley entstand eine Serie von Großfotografien. Die Künstlerin nahm einige Tannenbäume mit auf Reisen und stellte sie jeweils als hilfloses Zeichen vergangener Fruchtbarkeit mit ins Bild einer Schöpfung von Menschenhand.

Katalogbeitrag von Katja Blomberg (künstlerische Leitung/Haus am Waldsee) zur Ausstellung ’permanent zeitgenössisch’, Berlin, (2005)